Warum “Information und Aufklärung” im Kampf gegen Genitalverstümmelung nicht zum Ziel führt – und wie sich der Westen damit zum Komplizen macht

Genital mutilation is NOT an “African tradition”
20. October 2017
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Education and Information is the wrong approach to end FGM

Female Genital Mutilation is NOT based on lack of education or awareness – but on ideological and material interests of the perpetrating families

During the last decades, Western NGOs, activists and politicians have established a common strategy they proclaim to be suited to protect girls from the violence of Female Genital Mutilation:

Education and Information campaigns.

Their thinking is that by educating the governments and the population in the concerned countries — as well as immigrants — about the devastating consequences of FGM, we increase the chances of persuading the perpetrators to abandon the mutilations.

Only there is one fundamental problem with this strategy:

Sie funktioniert nicht. Sie kann nicht funktionieren – denn sie basiert auf der irrigen, falschen Annahme, dass diejenigen, die ihre Töchter verstümmeln lassen aus Unwissenheit oder mangelnder Bildung handeln.

Es wird ein fatales, verzerrtes Bild vermittelt, das den Tätern “Unschuld aufgrund fehlender Bildung bzw. Kenntnis” unterstellt und ihnen die Verantwortung für das Verbrechen gegen die eigenen Kinder abspricht. Gleichzeitig wird mit diesem “Aufklärungs-Ansatz” das Wesen von Genitalverstümmelungen als systematische Gewalt mit dem Ziel der Unterdrückung und Kontrolle der weiblichen Mitglieder der Gesellschaft verschleiert und negiert.

Wir können heute mit empirischen Fakten und Daten belegen, dass diejenigen, die Genitalverstümmelungen verüben, keineswegs ungebildet und unwissend sind:

Die gebildeten Eliten mit den höchsten sozialen Standards verstümmeln ihre Töchter im gleichen oder sogar größeren Ausmaß wie Vertreter der untersten und ärmsten sozialen Schichten der Gesellschaft.

Einige Beispiele:

Im Sudan bleibt nach 70 Jahren “Aufklärungs- und Informationskampagnen” die Verstümmelungsrate konstant bei 89%: In den Familien mit der höchsten Bildung werden 3% mehr Mädchen verstümmelt als in den ungebildeten. In der reichsten Schicht der Gesellschaft werden sogar 20% mehr (!) Mädchen Opfer der Verstümmelung als in der ärmsten Unterschicht.

In Äthiopien ist die Verstümmelungsrate in den Städten einschließlich Addis Abeba 20% höher als auf dem Land. In hochgebildeten Familien werden 80% der Mädchen verstümmelt und somit nur 2% weniger als in völlig ungebildeten.

In Ägypten besteht so gut wie kein Unterschied: Fast jedes Mädchen (92%) in den hochgebildeten Familien wird genital verstümmlt. Und 75% der Verstümmelungen werden von gebildeten Medizinern verübt (vor allem Krankenschwestern), die sich aus persönlichen monetären Interessen für die Weiterführung der Verstümmelungen einsetzen.

In Indonesien werden die meisten der in dem Land gravierendsten Formen von Genitalverstümmelung (Klitorisexzision) im urbanen und gebildeten Umfeld (z.B. Padang) verübt. Die Verstümmelungsrate beträgt dort 100%, mehr als 50% der Mädchen wird die Klitoris herausgeschnitten. Es besteht zudem ein direkter Zusammenhang zwischen der Modernisierung und Medikalisierung von Genitalverstümmelung und dem Anstieg der schweren Form der Verstümmelung (Exzision).

In Europa werden die Verstümmelungen quasi unvermindert weitergeführt – bis zu 80% der Mädchen (insbesondere in den Hochrisikogruppen) werden “vor unserer Haustür” verstümmelt, obwohl die Täter angeben, über die Strafbarkeit der Tat und die gesundheitlichen Folgen informiert zu sein.

Die Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen ist so zwingend wie einfach: Genitalverstümmelung muss endlich als das benannt und behandelt werden, was es ist: Ein Verbrechen – ein Akt der Gewalt, Herabwürdigung und der Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Kindern, dessen Täter keine Opfer (von Unwissenheit, Armut o.ä.) sind, sondern eben voll verantwortliche Täter.

Sie handeln keineswegs aufgrund mangelnder Bildung oder fehlender Erkenntnis, sondern begehen diese Taten – wie alle Gewalttäter – um ihre eigenen ideologischen, persönlichen und materiellen Interessen gegen die der Opfer durchzusetzen – in vollem Bewusstsein der Folgen.

Die Weltöffentlichkeit muss endlich aufhören, der Verstümmelungsgewalt einen Kultur-Rabatt einzuräumen und stattdessen beginnen, Genitalverstümmelung und die Täter ohne wenn und aber zu kriminalisieren und zu ächten, z.B. durch die Umsetzung effektiver Möglichkeiten der Strafverfolgung insbesondere der anstiftenden Familien sowie Sanktionen gegen jene Entscheider, die nicht bereit sind, die Beendigung der Verstümmelungen in ihren Gemeinden/Communities durchzusetzen. Nicht zu vergessen sämtliche muslimischen Kleriker (z.B. Shafi’iten), die bislang ohne den empörten Aufschrei der Öffentlichkeit zur Verübung dieser Verbrechen anstiften.

Es wird höchste Zeit, die exotistisch-rassistische Doppelmoral der westlichen Organisationen und Politiker zu entlarven und zu überwinden, mit der sie die Verstümmelungstäter unterschätzen und entmündigen und der Welt suggerieren, die Täter wüssten gar nicht, welches Leid sie ihren Kindern mit der Verstümmelung antun:

Denn zum einen werden durch diese Darstellung die Vetreter der Verstümmelungs-Kulturen als rückständige, unwissende aber eigentlich gutmeinende Minderbemittelte dargestellt, jeglicher Verantwortung für ihre bestialischen Verbrechen enthoben.

Gleichzeitig machen sich Politiker und NGOs die irrsinnigen Rechtfertigungen der Verstümmelungen zu eigen, um die Tat und die Täter (denen “beste Absichten” zugesprochen werden) – und vor allem ihre resultierende Nicht-Intervention – zu entschuldigen: Auf diese Weise führt das rassistische Konzept der “rückständigen, unwissenden Anderen” zur Komplizität mit den Tätern – mit dem Ergebnis, eben jene “rückständigen” Strukturen zu festigen und nachhaltige Entwicklung zu verhindern.

Die westliche (Innen- und Entwicklungs-) Politik, die ausschließlich auf “Aufklärung und Information” setzt, macht schlichtweg “die falsche Baustelle auf” und kurbelt auf diese Weise die Gewaltmechanismen weiter an. Sie richtet sich maßgeblich gegen die (potentiellen), akut gefährdeten Opfer, denen konsequenter Schutz, grundlegendste Rechte und Gerechtigkeit verweigert werden.

Foto (c) Flickr/IRIN News

It is destined to badly fail because it is based on the very wrong assumption that those who perpetrate Female Genital Mutilation do this because of a lack of knowledge, education and awareness.

The premise is that they are in a state of uninformed innocence. This approach lets the perpetrators off the hook and disguises the true nature of FGM as a form of systematic violence which intends to keep the subordination of girls and women in the concerned – predominantly Muslim – societies alive.

We can prove with empirical facts and data that those who are in favor of FGM are far away from being unknowing:

The educated elites at a high level of wealth mutilate their children at the same or even higher extent than the uneducated and poor classes of population.

Some examples:

In Sudan, after 70 years of awareness-raising campaigns, the prevalence of FGM did not decline a single percent and remains as high as 89%. The mutilation-rate in highly educated families is 3% higher than in uneducated ones. In the wealthiest class of population, the prevalence of FGM is even 20% higher than in the poorest class.

In Ethiopia, in the cities including Addis Abeba, there’s a 20% higher prevalence of FGM than in rural areas. Almost 80% of victims are to be found in highly-educated families (secondary and higher). This number is only 2% lower than among uneducated, illiterate ones.

In Egypt, there is no significant difference to be found: Almost every girl in highly educated families (92%) is subjected to Female Genital Mutilation. And 75% of mutilations are executed by educated medical professionals (first of all nurses) who propagate the continuation of this practice for their own monetary benefits.

The conclusion from all of this is that thre is an urgent need to tackle Female Genital Mutilation as a crime– an act of disrespect, disdain and violence. We have to acknowledge that the perpetrators are knowingly carrying out this atrocity for their own ideological and personal reasons; it is not because they lack education or awareness.

There should be no more “culture-discount” for the mutilators. The world public should criminalize without any ifs and buts those who mutilate their children as well as all governments who do not put appropriate legal measures in place to prosecute those families. Not to forget those religious (mostly Muslim, Shafi’i) leaders who continue to propagate FGM as “Islamic duty.”

The Western world should stop putting the mutilators under tutelage by suggesting that they don’t have a clue about the suffering they cause by mutilating their children. This attitude in fact reflects a mixture of racism and double standard:

On the one hand, Western (left) politicians/agencies/NGOs are presenting the FGM-perpetrators as backward idiots, absolved from any responsibility for their sadistic bestialities.

On the other hand, they adopt the justifications of FGM to excuse this malicious crime and the mutilators (to whom they impute “best intentions): They therefore turn their racist perception of “backwardness” into complicity that finally helps to uphold this “backwardness” and hinders sustainable development.

This Western policy perpetuates the violence of FGM and leads to a fatal conspiracy against the victims, to whom protection, fundamental rights and justice are denied.

Foto (c) Flickr/IRIN News

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