Bei einem Meinungsaustausch heute ging es darum, dass Frauen unabhängig werden müssen, dann wird auch die Verstümmelung aufhören.
Vielleicht ist Ihnen diese Aussage auch schon einmal begegnet. Sie basiert auf dem Wissen dass die wichtigste Ursache der Verstümmelungen in den Abhängigkeitsverhältnissen zu finden ist.
Ganz ehrlich: Auch ich war jahrelang davon überzeugt, dass gravierende, patriarchal konstruierte Abhängigkeiten von Frauen gegenüber Männern DIE Ursache dafür sind, dass so etwas wie Genitalverstümmelungen überhaupt möglich wird – und man zunächst versuchen müsse, eben diese Ursache zu beseitigen.
Heute weiß ich, dass das nur die halbe Wahrheit ist – und aus einem ganz simplen Grund NICHT funktionieren kann:
Die kausalen Zusammenhänge bestehen nicht linear in eine Richtung – (Abhängigkeit führt zu FGM) – sondern in einer starken Wechselwirkung: Die Gewalt der Verstümmelungen – ihre physischen und vor allem psychischen Folgen (schwere individuelle und kollektive Traumata, Dissoziation, Verdrängung, “Identifikation mit dem Aggressor” etc.) führt zur Zementierung der Abhängigkeitsverhältnisse und somit zur Festigung der eigenen Ursache:
Die Verstümmelungen sind also nicht nur die FOLGE von Abhängigkeit, Unterdrückung und Diskriminierung – sondern auch deren URSACHE!
Das hört sich erstmal harmlos an, aber das, was sich daraus ergibt, ist ein völlig neues Bild: Statt ”Unabhängigkeit ist der Schlüssel zur Beendigung von Genitalverstümmelungen” heißt es jetzt:
Ohne den STOPP von Genitalverstümmelungen kann es keine Unabhängigkeit geben!
Das bedeutet, dass sämtliche bisherigen Ansätze zur Abschaffung von FGM auf den Kopf gestellt werden müssen!
Ich weiß, es hört sich im ersten Moment vielleicht paradox an – aber es ist wahr:
Erst wenn die Verstümmelungen gestoppt, d.h. die künftigen Generationen konsequent geschützt werden – und zwar unabhängig davon, ob die Täter/Familienoberhäupter überzeugt sind oder nicht (was mit massivem Druck und Konsequenz, d.h. Bestrafung, wirtschaftlichen Konsequenzen etc durchzusetzen ist) – erst dann besteht überhaupt die Chance, die Ursachen (u.a. die extremen Abhängigkeitsverhältnisse) zu beseitigen – und damit die Verstümmelungen nachhaltig und langfristig mitsamt der “Wurzel des Übels” zu beseitigen.
Wer also Genitalverstümmelungen wirklich beenden will – und zwar nachhaltig – muss im allerersten Schritt die “Produktion” weiterer Opfer stoppen – d.h. die Kinder wirksam schützen! Erst danach machen materielle Investitionen in die Unabhängigkeit (wie z.B. Bildung & Ausbildung) überhaupt einen Sinn.
Mit unserer Patenmädchen-Kampagne (www.patenmaedchen.de) haben wir für dieses Prinzip erstmals praktikable Schritte erarbeitet, die einfach zu realisieren sind – und nicht einmal Geld kosten – und von afrikanischen AktivistInnen einfach als “genial” bewertet werden.
Diese simplen und dennoch revolutionären Erkenntnisse werden bislang von keiner einzigen westlichen Organisation umgesetzt. Und es verwundert kaum, dass ausgerechnet diejenigen Vereine, die tausende Mädchen in ihren “Entwicklungshilfeprojekten” hilflos der Verstümmelung ausliefern sich und aufgrund der Unterlassung von Schutz an diesen Verbrechen mit schuldig machen, wie z.B. Plan International, World Vision, Kindernothilfe und Childfund, sich dafür blind und taub stellen: Sie wollen weiter auf ihren Irrwegen Gelder, Ressourcen, Energie – und nicht zuletzt das Vertrauen der SpenderInnen vergeuden. Das geht so weit, dass sie den Verstümmelungs-TäterInnen zu Wohlstand verhelfen, anstatt die Opfer zu schützen.
Wie lange sie auf diese Weise die Bemühungen um den Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelung praktisch torpedieren können, entscheiden auch die SpenderInnen. Und die Öffentlichkeit…
